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Die offene Mundhaltung im Kindesalter – Häufigkeit und Folgewirkungen

Veröffentlicht von mykie®Akademie am 24.06.21

Eine kurze Zusammenfassung der wissenschaftlichen Originalarbeit von Grabowski und Stahl, 2008

Heute möchten wir Ihnen eine interessante Originalarbeit vorstellen, die wir für Sie kurz zusammengefasst haben.

Die Studie von Grabowski und Stahl (2008) erschien bereits im Jahr 2008. Ziel der Untersuchung des Autorenduos war die Erfassung der Häufigkeit von orofazialen Dysfunktionen im Milch- und Wechselgebiss, die Ermittlung von Haltungsschwächen sowie den Zusammenhang zum Okklusionsbefund zu untersuchen. Zudem stellte sich die Frage, ob Abweichungen von physiologischen Ruheweichteilbeziehungen einen epidemiologischen Charakter haben und beispielsweise auf ein bestimmtes Alter begrenzt sind und diese auf einer gewissen Art und Weise der Selbstausheilung unterliegen.

Material und Methode:

Im Schuljahr 2003/2004 wurden 3041 Kinder aus Rostock untersucht, die sich im Alter eines voll bezahnten Milchgebisses vor dem Schneidezahnwechsels befanden. Bei jedem Kind wurde sowohl die Ruheweichteilbeziehung durch Bewertung der offenen Mundhaltung und der Zungenruhelage erfasst als auch deren Wirkung auf die Gebissentwicklung in sagittaler, transversaler und vertikaler Richtung (Okklusionsbefund).

Die offene Mundhaltung wurde anhand folgender Kriterien bewertet:

  1. Beobachtung
  2. Kurze aufgeworfene Oberlippe
  3. Ausgerollte Unterlippe
  4. Spatelprobe
  5. Extraorale Palpation der suprahyoidalen Muskulatur bei geschlossenem Mund
  6. Wasserprobe und Kniebeugen

Die Zungenruhelage kaudal/interdental wurde anhand der reinen Beobachtung, der Mundbodentiefe sowie des Tastbefundes extra- und intraoral beurteilt.

Der Okklusionsbefund in der sagittalen, vertikalen und transversalen Dimension wurde jeweils für den Front- und Seitenzahnbereich erhoben.

Ergebnisse:

Offene Mundhaltung:

Eine offene Mundhaltung (OMH) wurde zu 35,8% im Milch- und 41,4% im Wechselgebiss festgestellt. Ebenfalls konnte aus den Ergebnissen abgeleitet werden, dass sich beim Großteil der Probanden die offene Mundhaltung vom Milch- auf das Wechselgebiss überträgt. Dabei waren Jungen um 5% häufiger im Milchgebiss betroffen als Mädchen.

Pathologisch veränderte Zungenruhelage:

Im Milchgebiss war zu 59,6% eine physiologische Zungenruhelage zu finden, wohingegen zu 21,4% die Zunge kaudal und zu 12,5% interdental lag. Im Wechselgebiss erhöhte sich der Anteil mit kaudaler Zungenlage auf 30,1%. Die interdentale Lage blieb nahezu gleich (12,3%). Wie auch bei der offenen Mundhaltung war das männliche Geschlecht signifikant häufiger betroffen.

Okklusionsbefund:

  • Sagittal: Die Distalbisslage nahm vom Milch- zum Wechselgebiss signifikant zu. Im frühen Wechselgebiss trat dies bei jedem dritten Kind auf. Seitenungleiche Bisslagen sind im Milch- und Wechselgebiss gleichgeblieben. Mesialbisslagen nahmen ebenfalls vom Milch- zum Wechselgebiss zu.

In allen Gruppen kam es also zu einer signifikanten Zunahme. Z.B. wiesen im Frontzahnbereich 49,3% der Kinder (Ø Alter 4,5 Jahre) eine vergrößerte sagittale Frontzahnstufe (Overjet) auf. Im Wechselgebiss wiesen dann 2,2% sogar einen Overjet von >8mm auf. Daraus schlussfolgerten Grabowski und Stahl, dass in der Nutzperiode des Milchgebisses nicht mehr mit einer Selbstausheilung der sagittalen Stufe gerechnet werden kann.

  • Transversal: Die seitliche Kopf-/Kreuzbisssituation war beidseitig im Milchgebiss mit knapp 2% als untergeordnete Größe anzusehen. Jedoch die Verdopplung aller Kreuzbisse (bi- und unilateral) bezeichneten die Autoren als alarmierend.
  • Vertikal: Eine Zunahme des Overbites von 0mm im Milchgebiss (3,9%) auf das Wechselgebiss (6,6%) erwies sich als hochsignifikant. Der Anteil frontal offener Bisse reduzierte sich von der 1. Dentition (11,4%) im Sinne einer Selbstausheilung im Wechselgebiss nur gering (9,5%). Tiefe Bisse waren vermehrt mit 33,2% im Milch- und 46,8% im Wechselgebiss zu finden. Der weit verbreiteten Aussage, offene Bisse schließen sich nach dem Frontzahnwechsel schon von selbst, kann also nicht zugestimmt werden.

Vergleich der Häufigkeit des Vorkommens von Okklusionsbefunden in Abhängigkeit von veränderten Ruheweichteilbeziehungen:

Der signifikante Zusammenhang von vier Anomalien bestätigte das Vorkommen von veränderten Ruheweichteilbeziehungen gegenüber Kindern ohne Okklusionsanomalien. Dies betraf die vergrößerte oder reduzierte Frontzahnstufe, den Kreuzbiss und den offenen Biss. Das Autorenduo konnte keinen Zusammenhang zwischen der distalen Bisslage mit funktionellen Fehlentwicklungen feststellen. Kinder mit einem offenen Biss waren mit 73,4% offener Mundhaltung und 79,8% veränderter Zungenruhelage am häufigsten von Haltungsschwächen betroffen.

Hier ein Beispiel: der frontal offene Biss mit deutlich sichtbarer Zungenfehllage überträgt sich ins bleibende Gebiss. Es hat keine Selbstausheilung stattgefunden.

Interessant ist zudem der starke Zusammenhang zwischen einer Haltungsschwäche und der Entwicklung eines Kreuzbisses. Sind Kinder ohne Okklusionsanomalien trotzdem von Haltungsschwächen betroffen, ist, laut Autoren, wohl ein anderer Genotypus für den Erhalt einer regelgerechten Okklusion in diesem frühen Kinderalter verantwortlich.

Die Studie von Grabowski und Stahl aus dem Jahr 2008 zeigt uns, dass jedes Dritte Kind an einer Fehlfunktion durch eine pathologisch veränderte Ruheweichteilbeziehung (35,8% offene Mundhaltung, 33,9% veränderte Zungenruhelage) leidet. Im frühen Wechselgebiss erhöhen sich die Werte auf 41,4% und 42,4%. Dies bedeutet, dass die Mehrheit der Kinder eine Haltungsschwäche hat, die im zunehmenden Alter keine Selbstausheilung zu erwarten ist. Die Autoren berichteten ebenfalls, dass viele Kinder auch nach der Entfernung der Rachenmandeln eine offene Mundhaltung behielten, obwohl die Nasenatmungsbehinderung beseitigt wurde.

Schlussfolgernd lässt sich eine anlagebedingte Bereitschaft zusammen mit Defiziten der mundmotorischen Entwicklung als wesentliche Faktoren für die Entstehung der Haltungsschwäche zusammenfassen. Neben häufigen Erkrankungen der Atemwege mit daraus bedingten erzwungenem oder habituell inkompetenten Mundschluss müssen Lutsch- und Trinkgewohnheiten zusätzlich für die Störung der physiologischen Funktionsentwicklung verantwortlich gemacht werden.

Die frühzeitige Erkennung der Funktionsstörungen ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie durch Logopäden und Kieferorthopäden. Wenn die vier genannten Okklusionsstörungen (vergrößerte und verringerte Frontzahnstufe, transversales Defizit des Oberkiefers, Kreuzbiss oder offener Biss) auftreten, muss nach Grabowski und Stahl mit einer risikobelasteten Gebissentwicklung gerechnet werden und definieren dieses als „kieferorthopädisches Risikokind“.

Die kieferorthopädische Frühbehandlung gehört aus Sicht der Autoren in die Hände des „besonders Erfahrenen“. Die Haltungsschwäche ist immer ein funktionelles Problem. Die Umschulung gelingt nur durch das Umprogrammieren der fehlerhaften Entwicklung. Je früher die myofunktionellen Fehlfunktionen erkannt werden, desto mehr zahlt sich die Frühbehandlung aus: Durch schnell erreichbare und stabile Langzeitergebnisse.

Genau hier setzt unser mykie®-Konzept an! Logopäden und Kieferorthopäden bieten ein gemeinsames aufeinander abgestimmtes Therapiekonzept, das Form und Funktion bzw. Okklusionsbefund und Haltungsschwäche gleichzeitig therapiert. 

Der Studie von Grabowski und Stahl bestätigt den enormen Behandlungsbedarf und appelliert an Frühbehandlungskonzepte wie mykie®!

 

Den Originalartikel finden Sie hier:

Grabowski, R; Stahl, F. Die offene Mundhaltung im Kindesalter – Häufigkeit und Folgewirkungen.

Inf Orthod Kieferorthop 2008; 40: 101-109; doi: 10.1055/s-2008-1004785

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